TA / TLZ vom 16.02.2021

Speisekammer in Fischbach versorgt mit regionaler Bioware

Bestellgemeinschaft sichert lokalen Erzeugern fairen Absatzmarkt. Mitglieder statt einfacher Kunden erwünscht


Klaus-Dieter Simmen

Fischbach

Vor einigen Jahren haben Lena und Paco, die ihre Nachnamen nicht verraten wollen, ihren Lebensmittelpunkt von Wien nach Waltershausen verlegt. Nun sind beide nicht so vermessen, die Städte miteinander zu vergleichen. Dass es jedoch in ihrer neuen Heimat weit und breit keinen Bioladen gab, das störte schon.
Regionale Erzeuger hingegen, die ihren Vorstellungen entsprachen, gibt es mehr als man gemeinhin denkt. Nur, um bei ihnen den Wocheneinkauf zu tätigen, bedurfte es einer ganzen Tagestour; zu viel Aufwand also. Das Thema bewegt auch die Zukunftswerkstatt in Bad Tabarz, lange Zeit bereits.

Ein Ort wird zur Fairtrade-Gemeinde

Auf Initiative des Vereins wurde der Ort Fairtrade-Gemeinde. Doch darüber heimische Erzeuger zu vernachlässigen, wäre für eine Zukunftswerkstatt zu kurz gedacht. Folglich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Mitstreiter der Zukunftswerkstatt auf Lena und Paco trafen. Und das brachte beide Seiten rasch voran. Es gab erste Kontakte zum FoodCoopShop, einer Computeranwendung zur Abwicklung von regionalen Lebensmittel-Bestellungen. Schon bald entstand eine fruchtbringende Zusammenarbeit, in deren Ergebnis eine Bestellgemeinschaft namens „Speisekammer“ entstand.
Wer jetzt eine Website vor Augen hat, durch deren Angebote sich der Kunde klickt und schließlich bestellt, hat ebenso Recht wie Unrecht. Der Bestellvorgang funktioniert genau so, nur hat die „Speisekammer“ keine Kunden, besser, will gar keine haben, sondern legt Wert auf Mitglieder. Das ist der feine Unterschied.
Und auf den sind die Organisatoren stolz. „Mitglied sein heißt, dazugehören und teilhaben“, sagt Sandra Hess. Bei der Fischbacherin laufen die Fäden zusammen. Sie bearbeitet die Bestellungen; bei ihr kommen die Lieferungen an und können abgeholt werden. Übrigens immer freitags, vorausgesetzt, bis Mitternacht am Dienstag davor ist der Auftrag eingegangen.
Pia Lenz von der Zukunftswerkstatt Bad Tabarz verweist nicht nur auf die hohe Qualität der Lebensmittel, sondern auch auf die erfreuliche Kehrseite der Medaille. Die kleinen Produzenten aus der Region, die sich ohnehin am Existenzminimum abstrampeln, bekommen auf diese Weise einen regionalen Absatzmarkt, der zudem einen fairen Erzeugerpreis sichert.
„Nun muss aber keiner befürchten, in unserer ‚Speisekammer‘ über Gebühr sein Portemonnaie belasten zu müssen“, betont Lenz. „Es gibt keinen Zwischenhändler, alle Mitstreiter arbeiten ehrenamtlich.“ Das spiegelt sich im Preis wider.
Dass es keine Einbahnstraße ist, zeigt sich schon bei der Einrichtung der Scheune in Fischbach. „Da haben viele Mitglieder geholfen“, freut sich Sandra Hess. Wer will, kann bei den Produzenten auch über die Schulter schauen.
„Das gehört zu unserem Konzept. Transparenz ist Ehrensache“, sagt Sandra Hess. Sie erzählt von geplanten Ausflügen zu Erzeugern, die mit dem Fahrrad zum Familienausflug werden, weil das meiste in der Tat um die Ecke wächst oder hergestellt wird.
Damit nicht genug: „Wir wollen beispielsweise im nächsten Jahr ein gemeinsames Käsen mit Philipp organisieren, der bei einem unserer Lieferanten, der Käserei Hof Rösebach in Ifta arbeitet. Unsere Kräuterpädagogin Kathrin hat spontan beschlossen, unmittelbar davor uns mit auf eine Kräuterwanderung zu nehmen. Was da an gesundem Grün in die Körbe kommt, findet beim Käsen Verwendung.“
Mittlerweile arbeitet die „Speisekammer“ mit zehn Erzeugern zusammen. „Wir bekommen die Erzeugnisse der Hofkäserei Burgmühle in Haina, also Ziegen- und Kuhmilchkäse sowie Brot, verschiedene Mehlsorten aus der Bornmühle in Sättelstädt, Fleisch von Freds Straußenfarm in Ifta, Honig aus Fischbach und Obst und Gemüse von Landwirtin Anne Möller aus Herbsleben“, zählt Sandra Hess einige der Partner auf.
Derzeit stützen 50 Mitglieder die „Speisekammer“. Wer Interesse hat, ebenfalls zu dieser Gemeinschaft zu gehören, kann sich im Internet anmelden.
Kontakt unter foodcoop.kultinativ.org

 


Geändert am 15.06.2021 09:36